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Akademien der Wissenschaften Schweiz

Anstösse zum Dialog: Wie Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ins Gespräch kommen

Der erste nationale Forschungs- und Innovationsgipfel in Bern zeigte deutlich: Der Austausch muss intensiver werden. Die Teilnehmenden äusserten Erwartungen, debattierten über neue Formate und nahmen Empfehlungen auf. Eine zentrale Botschaft zog sich durch die Beiträge: Nur verständliche Forschung kann wirken.

«Wenn Sie wüssten, was ich weiss, würden Sie ganz anders politisieren», rief ein Wissenschaftler einst dem Zuger FDP-Ständerat Matthias Michel zu, Präsident der parlamentarischen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. «Wie soll ich es wissen, wenn Sie schweigen?», entgegnete Michel. Diese Szene blieb ihm so sehr in Erinnerung, dass er sie am Gipfel vom 17. März 2026 im Casino Bern erzählte. Dort forderte er die Forschenden auf, nicht auf Einladungen zu warten, sondern sich aktiv einzubringen. Doch wie gelingt das? Hört die Politik wirklich zu? Und wie erreicht die Wissenschaft die Bevölkerung?

Rund 350 Teilnehmende aus Hochschulen, Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Forschungsförderung und Medien gingen diesen Fragen nach. Eingeladen hatten die Akademien der Wissenschaften Schweiz und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation – weil eine solche Veranstaltung in der Schweiz bisher fehlte. Gerade in unsicheren Zeiten mit vielen Herausforderungen sei der Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik unverzichtbar, betonte Yves Flückiger, Präsident des Akademienverbunds. Vertrauen sei die Voraussetzung – und dieses entstehe nur durch verständliche, zugängliche Wissenschaft.

Parmelin: «Grundlage der Demokratie»

Bundespräsident Guy Parmelin hob in seiner Rede hervor, dass evidenzbasierte Entscheidungen nicht nur in Krisen zählen. Informierte Bürgerinnen und Bürger sowie von Fakten gestützte Politik seien generell ein Gegengewicht zu Desinformation – und «eine zentrale Grundlage für eine funktionierende Demokratie», erklärte der Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Er lobte den Gipfel als wichtige Plattform für Austausch und Zusammenarbeit.

Beispiele für Umsetzungen lieferte die britische Forscherin Christina Pagel. Die Mathematikerin und Professorin für Operational Research am University College London entwickelt datenbasierte Modelle, um Behandlungsergebnisse im Gesundheitswesen zu verbessern, etwa in der Kinderherzchirurgie. Während der Corona-Pandemie gründete sie ein unabhängiges Expertengremium mit, das Analysen veröffentlichte und Fragen aus der Bevölkerung beantwortete.

Wöchentlich auf YouTube

Die zwölfköpfige Gruppe arbeitete losgelöst von den offiziellen Beraterinnen und Beratern der Regierung und setzte auf offene Kommunikation. Sie nutzte verschiedene Kanäle: detaillierte Berichten auf einer Website, laiengerechte Studienzusammenfassungen, wöchentliche Webinare auf YouTube. «Wir erhielten viele Rückmeldungen – von Bürgermeistern, Abgeordneten, Gewerkschaften, Patientenorganisationen und Interessengruppen», berichtete Pagel. 

Für wirksame Politikberatung empfiehlt sie neben Unabhängigkeit auch Transparenz. Ziele und Werte müssten offengelegt werden, um ein demokratisches Mandat zu schaffen. Fachwissen sollte interdisziplinär sein und insbesondere die Sozialwissenschaften einschliessen, und den Blick auf die langfristige Resilienz der Gesellschaft richten. Als Hindernis sieht Pagel das Zögern von Forschenden, Zeit in Politikberatung zu investieren. Denn diese fehle ihnen anschliessend für laufbahnrelevante Publikationen, Fördermittelsuche und Lehre. Wer öffentlich auftrete, müsse zudem Kritik aushalten – eine Erfahrung, die sie selbst während der Pandemie machte.

Der richtige Mix: «Push» und «Pull»

Wie wird der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft produktiv? Moderatorin Tanya König stellte diese Frage an Bernard Lehmann, Präsident der Kommission Wissenschaft und Politik der Akademien. «Am besten funktioniert eine Mischung aus ‹Pull› und ‹Push›», erklärte er. Forschende sollten selbst Themen einbringen, aber auch auf gezielte Anfragen der Politik reagieren. Lehmann kennt verschiedene Blickwinkel. Als Bauernsohn sah er, dass der Berufsstand mehr Daten benötigte. Als ETH-Professor für Agrarökonomie erkannte er die Bedeutung klarer Kommunikation. Und als Leiter des Bundesamts für Landwirtschaft realisierte er, wie lange es dauert, mehrheitsfähige Lösungen zu entwickeln.

Auch bei den Vereinten Nationen sammelte Lehmann Erfahrungen. Dort lernte er Verfahren kennen, die viele Stimmen einbeziehen und zugleich die Unabhängigkeit wissenschaftlicher Gremien wahren. Forschenden rät er, auf Aktivismus und Handlungsanweisungen zu verzichten. Stattdessen sollten sie Ziele formulieren und evidenzbasierte Optionen aufzeigen. Wichtig sei ein kontinuierlicher Dialog. Als Beispiel nannte er das Format «Science et Politique à Table!» der Akademien, bei dem seit 2023 Parlamentsmitglieder und Forschende aktuelle Themen diskutieren. «Die Treffen wirken ansteckend», so Lehmann.

Komplexes verständlich machen 

Im Gespräch bleiben, aufklären, alle möglichen Netzwerke nutzen und unterschiedliche Rollen respektieren – das sind zentrale Erfolgsfaktoren, wie auch ein vom Präsidenten von Science et Cité Nicola Forster moderiertes Podium ergab. Forschende müssen hinnehmen, dass es «kein Recht auf wissenschaftlich richtige politische Entscheide gibt», betonte Sebastian Friess, Leiter des Amts für Wirtschaft des Kantons Bern. Denn Behörden haben die Aufgabe, Interessen abzuwägen und Kompromisse zu finden.

Für Sophie Michaud Gigon, Waadtländer Nationalrätin der Grünen und Konsumentenvertreterin, ist vor allem eines entscheidend: Übersetzungsarbeit. Als Milizparlamentarierin hat sie keine Zeit, komplexe Studien zu lesen. «Ich brauche die Erkenntnisse in verständlicher und dosierter Form», sagte sie. Damit Forschende dies leisten können, müsse der Aufwand für Dialog und Austausch in Fördermitteln stärker berücksichtig werden, forderte Elisabeth Stark, Prorektorin Forschung der Universität Zürich. «Die Publikation einer Studie darf nicht die einzige Kommunikationsleistung bleiben», betonte sie.

Neue Ideen und bewährte Gefässe

Neben neuen Ansätzen kamen auch etablierte Instrumente des Wissenstransfers zur Sprache. Seit über 50 Jahren greifen die Nationalen Forschungsprogramme (NFP) gesellschaftliche Herausforderungen auf. Mehr als 80 Programme haben bereits Themen wie Künstliche Intelligenz und Robotik, Antibiotikaresistenzen oder den demografischen Wandel untersucht. Torsten Schwede, Präsident des Forschungsrats beim Schweizerischen Nationalfonds, verwies auf konkrete Auswirkungen – etwa Methoden zur Überwachung instabiler Berghänge.  Diese entstanden aus einem NFP zu Klimaveränderungen und Naturkatastrophen und gewinnen heute angesichts wachsender Risiken an Bedeutung.

Die NFP agieren systematisch «an der Schnittstelle von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik», erklärte Schwede. Der Bund legt die Themen fest, überlässt die Umsetzung jedoch der Wissenschaft, die Entscheidungsgrundlagen bereitstellt. Das Instrument funktioniere im Kern, müsse aber «innovativ und agil» bleiben, betonte der Forschungsratspräsident mit Blick auf die rasanten technologischen Entwicklungen unserer Zeit.

Zusammenarbeit als Stärke

Seit zehn Jahren zeigen die Schweizerischen Innovationsparks, wie Zusammenarbeit funktioniert. An sechs Standorten entwickeln über 6000 Mitarbeitende aus Forschung und Industrie in mehr als 800 Unternehmen gemeinsam marktfähige Produkte. «Ohne Wissenschaft keine Innovation – und kein Wohlstand in der Schweiz», betonte Andreas Rickenbacher, Präsident der Stiftung Switzerland Innovation. Reges Interesse weckte zudem der «Marktplatz der Ideen», auf dem Forschende ihre Projekte im Bereich des Wissenstransfers präsentierten – von Deep Fakes bis Medizinethik.

Vielfalt und Kooperation prägen die Schweizer Forschungs- und Innovationslandschaft, resümierte Staatssekretärin Martina Hirayama in ihrem Schlusswort. Der Gipfel habe neue Perspektiven eröffnet und Menschen zusammengebracht. «Es braucht uns alle», sagte sie – als Teile eines Systems, das das Land stark mache. Ob ein zweiter Gipfel folgt, entscheiden die Organisatoren nach der Auswertung der Rückmeldungen.

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